Die PKS 2025 wurde vor wenigen Tagen veröffentlicht. Die Schlagzeilen und Berichte dazu folgten weitgehend den Mitteilungen der herausgegebenden Behörde BKA und dem Bundesinnenministerium.

Aus vielen Jahren der Beobachtung weiß ich: Es wird selten neutral und sachlich über die PKS-Datensammlung berichtet. Gehen die Zahlen der polizeilichen Hellfeldstatistik nach oben, wird dies regelmäßig als gefährliche Entwicklung eingestuft und es folgen Berichte über die objektiv schlechte und immer schlechter werdende Sicherheitslage, die noch mehr Anstrengungen erfordert: mehr Polizei, mehr Überwachung, mehr Abschiebungen.

screenshot: Tagesschau vom 20.04.2026

Schwieriger wird es für Innenminister und Polizei, wenn die Statistik nach unten weist. Zwar könnte man dies zum Anlass nehmen, die eigene Politik und die Polizei zu loben: Auf den ersten Blick erfüllen doch diese Behörden ihre präventiven Aufgaben und ihre Sicherheitsversprechen umso besser, je weniger Straftaten begangen werden. Aber das wäre zu kurz gedacht. Möglicherweise kommt bei sinkenden Zahlen jemand auf die Idee, das Budget der Strafverfolgungsbehörden zu kürzen oder die schon bestellte Überwachungssoftware von amerikanischen Trump nahestehenden Unternehmern, oder die Ideen von Chatkontrolle und IP-Nummern-Speicherung in Frage zu stellen. Oder es wird das Abschiebungsprogramm des Innenministers kritisiert, für das die PKS mit steigender Ausländerkriminalität wichtige Argumente liefern soll. Leider ist es – nicht nur in Deutschland – nun einmal so: Die politische Bedeutung der Polizei und Law&Order- Innenpolitik hängt von der Vorstellung ab, dass die Kriminalität immer häufiger und schlimmer wird. Und auch die Nachrichtenmedien hängen weitgehend an den Vorteilen negativer Nachrichten, das gilt einschließlich der seriösen Medien. So wird seit Jahrzehnten anlässlich der PKS-Vorstellung der oftmals falsche Eindruck aufrecht erhalten, um die Sicherheitslage stehe es schlecht, die Menschen trauten sich kaum noch auf die Straße. Dies trifft in einer alternden Gesellschaft auf hohe Zustimmungsraten. Und allzu leicht bietet man den Feinden der Demokratie damit Vorlagen für ihre Schuldzuweisungen an Menschen, die das alles angeblich aus nichtdeutscher kultureller oder gar biologischer „Prägung“ verursachen. Wenn die (selbst gemessenen!) Daten es nicht hergeben, verweist man auf das „Sicherheitsgefühl“, für das die Polizei sich auch für verantwortlich hält.

Also nicht immer hält die PKS ein, was sich die Politik wünscht. Manchmal sinken die Zahlen der PKS tatsächlich. Und jetzt, 2025, schon zum zweiten Mal in Folge. Nun kann man sich förmlich vorstellen, wie Ministerialbeamte bei der Planung der Pressekonferenz bei den BKA-Statistikern nachfragten: „Was denn, schon wieder weniger Straftaten? Weniger Gewaltkriminalität? Weniger Jugendgewalt? Weniger Gewalt der Zuwanderer? Und auch weniger Straßenkriminalität? Gibt es denn nicht irgendetwas, was wir der Öffentlichkeit als gefährliche Entwicklung präsentieren können?“

Und eine Antwort aus den Tiefen der Tabellenforschung war dann: Ja, entgegen dem allgemeinen Trend ist die Kindergewalt angestiegen: Es gibt im Vergleich zu 2024 bei den Gewaltstraftaten 3,3% mehr Tatverdächtige unter 14 Jahren. Das ist doch eine beunruhigende Meldung, die ihr den Medien präsentieren könnt.

Die Medien haben es – wie gewünscht – aufgegriffen; so wurde aus den 5,6% weniger Gesamtstraftaten, was schon ein erheblicher Rückgang ist, erst einmal ein „leichter“ Rückgang gemacht. Und ein bisschen aufgebauscht haben sie das mit der Kindergewalt auch: Aus Kindergewaltkriminalität wird schnell mal Kinderkriminalität insgesamt und oft werden dann auch noch die Jugendlichen mit erwähnt. Und sowohl die innenpolitische Expertise auf dem Podium als auch die kriminologische Expertise wird nach den (vermuteten) Ursachen dieses beunruhigenden Phänomens befragt. Zeit für Hinweise aus der (durchaus wohlwollend empathischen) Küchenpsychologie: Psychischer Druck lastet auf Kindern, Social Media, die Eltern, die Schule, die deutsche Sprache, die Zukunftsangst, eine Überforderung der Kinder, die sich in Gewaltakten ein Ventil sucht.

STOPP!

  • Ist die Kinderkriminalität und speziell die Kindergewaltkriminalität tatsächlich angestiegen?

In nahezu allen Mitteilungen über die PKS 2025 hieß es, speziell die Gewaltkriminalität von Kindern sei im vergangenen Jahr angestiegen. Schon bei der Vorstellung der vorherigen PKS 2024 wurde über einen Anstieg der Kinder(gewalt)kriminalität von 2023 auf 2024 berichtet. Ich war schon damals skeptisch, ob dies der Realität entspricht, da der Tatverdacht gegen Strafunmündige nicht juristisch geprüft wird und mir diese Daten noch weniger valide erscheinen als andere Angaben der PKS, die ja ohnehin zu über 90% von den Strafanzeigen abhängen. Ich hielt es für möglich, dass – ebenso wie bei den Sexualdelikten – eine erhöhte Anzeigebereitschaft gegenüber Kindern einen signifikanten Teil des Anstiegs erklärt. Aber Kolleginnen und Kollegen aus der Kriminologie haben mir widersprochen. Der Anstieg von 2023 auf 2024 sei so deutlich, dass man diesen nicht primär auf eine veränderte Anzeigebereitschaft zurückführen könne. Ich habe dies (für die PKS 2024) akzeptiert, weil ich der Expertise meiner Kolleg-inn-en insoweit vertraue. Also ja, von 2023 auf 2024 zeigte die PKS einen Trend in der Kindergewalt an, der sich wahrscheinlich nicht allein auf eine veränderte Anzeigebereitschaft zurückführen lässt.

Aber wie ist es mit dem jetzt prominent und überall vermeldeten erneuten Anstieg der Kindergewaltkriminalität von 2024 auf 2025?

Schaut man sich die PKS 2025 genauer an, stellt man zunächst fest, dass die Kinderkriminalität insgesamt anhand der Tatverdächtigenanzahl nicht gestiegen ist, sondern gesunken ist, nämlich von 104.000 im Jahr 2024 auf 93.000 im Jahr 2025, ein Rückgang von 6,3%. (Quelle: BKA PKS, Tabelle 20 ZR Straftaten insgesamt).

In der Diskussion prominent sind aber die von Kindern begangenen Gewaltstraftaten. Die Anzahl der tatverdächtigen Kinder von 8 bis unter 14 Jahren ist bei Gewaltstraftaten tatsächlich gestiegen, nämlich von 13775 auf 14235, das sind 460 Tatverdächtige (200 davon unter 8 Jahre) bzw. 3,3% mehr als 2024 (Quelle: BKA PKS Tabelle 20 ZR, Schlüssel: 892000). Auf diese Zahl beziehen sich das BKA, die Bundesregierung und praktisch alle ihnen folgenden Medien und Expertenstimmen.

Aber für Trendangaben wie diese muss man auch die sich ändernde Bevölkerungszahl berücksichtigen, das ist eine methodische Selbstverständlichkeit. Wenn man nur auf die absoluten Zahlen schaut, gerät man sonst in Gefahr gar nicht Kriminalität einer Altersgruppe, sondern die Veränderung von deren Bevölkerungsanteil zu interpretieren. Das ist so selbstverständlich auch für die BKA-Statistiker, dass sie dafür in der PKS mehrere Extra-Tabellen ausweisen zur TVBZ (Taverdächtigenbelastungszahl), für jede Altersgruppe und für jedes Delikt, und das in Zeitreihen seit 2009. Die TVBZ gibt an, wie viele Tatverdächtige pro 100.000 Personen derselben Altersgruppe registriert wurden. Die TVBZ ist daher die entscheidende Zahl, um einen Kriminalitäts-Trend unabhängig von der Entwicklung der Bevölkerungszahl innerhalb der PKS nachzuweisen.

Hier das Ergebnis der Betrachtung der TVBZ bei Kindern, die in den Jahren 2024 und 2025 als Tatverdächtige bei Gewaltstraften registriert wurden (Quelle: BKA PKS Tabelle 20 TVBZ ZR, Schlüssel 892000):

Im Jahr 2024 wurden 287,3 von je 100.000 Kindern derselben Altersgruppe (8 bis unter 14) wegen einer Gewaltstraftat verdächtigt.
Im Jahr 2025 wurden 287,7 von je 100.000 Kindern derselben Altersgruppe (8 bis unter 14) wegen einer Gewaltstraftat verdächtigt.
Die Steigerung beträgt also nicht 3,3% sondern nur 0,1%. Das ist wegen der ohnehin von der Anzeigetätigkeit stark abhängigen Tatverdächtigenzählung praktisch nichts.

Das ist meine Schlussfolgerung aus den vom BKA selbst zur Verfügung gestellten Daten. Der „Anstieg der Kindergewalt“ in der PKS 2025 ist im wesentlichen eine Luftnummer, entstanden aus dem innenpolitischen Bedürfnis nach schlechten Nachrichten. 460 mehr gewalttatverdächtige Kinder sind schlicht der höheren Anzahl von Kindern in der Bevölkerung geschuldet.

Noch ein paar Bemerkungen zu weiteren Aspekten der PKS

Bezeichnend ist, worüber nicht oder kaum geredet wird bei aller (vorgeblichen) Empathie mit jungen Menschen. Die Gesamt-TVBZ der Jugendlichen (14 bis unter 18) und Heranwachsenden (18 bis unter 21) ist gesunken – und das schon seit 2023 und zuletzt um fast 10%. (Quelle: BKA PKS Tabelle 20 TV ZR unter Straftaten insgesamt), das ist ein stärkerer Rückgang als bei den Erwachsenen. Bei Jugendgewaltstraftaten liegt nach der TVBZ von 2024 auf 2025 bei den Jugendlichen ein Rückgang von 8,5% vor (Quelle: BKA PKS Tabelle 20 TVBZ ZR, Schlüssel 892000). Dies gilt, obwohl Jugendliche ab 14 mit den gleichen, wenn nicht sogar schwerer wiegenden Problemen zu kämpfen haben, die nun zur Erklärung der (angeblich steigenden) Kindergewalt herangezogen werden.

Mich erinnert das an die Situation in den späten 2000er Jahren, als die Jugendkriminalität schon einmal erheblich zurückging: Politik und Polizei wollten es nicht wahrhaben. Der Moderator der Tagesschau ist auch diese Woche so von den schlechten Nachrichten überzeugt, dass er die Falsch-Behauptung, die Kinder- und Jugendkriminalität sei angestiegen, sogar in seine Frage an die Kriminologin Prätor einflicht. [hier nur ein screenshot, das Video findet man unter diesem (Link)]

Die PKS wird in den Medien als objektive und wichtigste Darstellung der Kriminalitätsentwicklung präsentiert. Natürlich wissen längst alle Beteiligten, dass die Polizeistatistik die Fallzahlen und die gesamte Sicherheitslage in Deutschland nur sehr ungenau wiedergibt. Aber darauf hingewiesen wird vorzugsweise dann, wenn die Zahlen nach unten zeigen. Dann ist vom „Dunkelfeld“ die Rede, das ja noch viel größer ist als die von der Polizei ermittelte Anzahl der Fälle und Tatverdächtigen. Die entscheidende Bedeutung des Dunkelfelds für die Tendenzen der Kriminalitätsentwicklung wird dabei aber kaum erwähnt: Je größer das Dunkelfeld bei einer Deliktsgruppe, desto weniger lässt sich aus der Tendenz des Hellfelds auf eine Tendenz in der Realität schließen. So wird bei wichtigen sicherheitsrelevanten Deliktsgruppen eine in der PKS äußerlich steigende Tendenz möglicherweise allein von der steigenden Anzeigebereitschaft bestimmt.

Dass PKS-Fallzahlen der Körperverletzung, der Sexualdelinquenz und die Tatverdächtigenzahlen der Kinderdelinquenz ansteigen, bedeutet dann nicht, dass die „Gewalt“ in unserer Gesellschaft ansteigt, sondern dass unsere Gesellschaft insgesamt empfindlicher geworden ist: Gewalttaten werden nicht mehr so stark wie früher aus Scham verschwiegen (häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe), von Nachbarn aus Bequemlichkeit ignoriert (Kindesmisshandlung), als unbedeutender Kinderkram abgetan (eskalierende Streits unter Strafunmündigen) oder als Familientabu (Kindesmissbrauch) behandelt, sondern Beobachtungen und Erfahrungen werden jetzt vermehrt der Polizei gemeldet, was ja durchaus positiv zu bewerten ist. Wenn aber deshalb die Zahlen steigen, wird dies von Polizei und Ministerien als gefährliche Entwicklung verkauft, obwohl es sogar einhergehen kann mit sinkenden tatsächlichen Zahlen: Der Anstieg der Fälle und Tatverdächtigen wird möglicherweise zu einem großen Teil, wenn nicht sogar vollständig, aus dem bisherigen Dunkelfeld gespeist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert