{"id":178,"date":"2024-12-23T14:22:02","date_gmt":"2024-12-23T13:22:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/?p=178"},"modified":"2025-01-12T12:29:09","modified_gmt":"2025-01-12T11:29:09","slug":"magdeburg-terroranschlag-oder-amokfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/?p=178","title":{"rendered":"Magdeburg &#8211; Terroranschlag oder Amokfahrt?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Das, was zum Magdeburger Attent\u00e4ter bekannt geworden ist, scheint in keine rationale Schablone zu passen: Ein Anti-Islamist aus Saudi Arabien, ein seit zwei Jahrzehnten in Deutschland t\u00e4tiger forensischer Psychiater, der sich seit einigen Jahren mit rechtsextremen Narrativen radikalisiert hat, Anh\u00e4nger ist von bekannten rechten Anf\u00fchrern wie Elon Musk und rechtsextremen Parteien wie der AfD, macht f\u00fcr von ihm als Unrecht empfundenen beh\u00f6rdliche Entscheidungen &#8222;die Deutschen&#8220; verantwortlich und macht seine schon vor mind. einem Jahr ausgesprochenen gewaltt\u00e4tigen Ank\u00fcndigungen wahr. Mit einer in der Art und Weise v.a. von Islamisten kopierten Attacke t\u00f6tet er auf dem Weihnachtsmarkt f\u00fcnf Menschen und verletzt sehr viele weitere (teils schwer). <br>Nat\u00fcrlich setzte die Motivsuche und die Motivunterstellungen in den Social Media sofort nach der Tat ein, ebenso wie viele Fehlinformationen \u00fcber Tatablauf und Hintergrund, v.a. auf der Plattform &#8222;X&#8220;, deren Eigent\u00fcmer und zugleich eifrigster User sich auf Grundlage geringster Informationen (\u00e4hnlich wie die Springer-Presse) sofort propagandistisch der schlichtest-m\u00f6glichen Erkl\u00e4rung anschloss: Der T\u00e4ter stammt aus dem islamistisch gepr\u00e4gten Staat Saudi-Arabien, dann kann ja nur Islamismus das Motiv sein. Bundeskanzler Olaf Scholz sei ein &#8222;incompetent fool&#8220; und m\u00fcsse zur\u00fccktreten, die einzige Rettung sei die AfD. Die angesprochene Partei wurde immerhin deutlich kleinlauter als sich herausstellte, dass der T\u00e4ter der AfD zuneigte und auf &#8222;X&#8220; sogar als Premium-User v.a. die Haltung von Musk und AfD verbreitete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Aber auch die Ansicht, der T\u00e4ter habe ein rechtsextremistisches Attentat begangen, hat zumindest Schwierigkeiten, Motiv und Tat in \u00dcbereinstimmung zu bringen. Nat\u00fcrlich ist es m\u00f6glich, dass ein Attent\u00e4ter einen solchen Anschlag ausf\u00fchrt, um die Gegenseite in Misskredit zu bringen (&#8222;false flag&#8220;), aber auch dies ist allenfalls eine Theorie auf unsicherer Tatsachenbasis. Die Zuschiebung der Attacke auf die Gegenseite w\u00e4re nicht (gut) durchdacht, denn die \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen des T\u00e4ters in den Social Media und seine Ank\u00fcndigungen zeigen eine zu deutliche Dissonanz zu einer rationalen Tat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Dass bis jetzt noch kein &#8222;Motiv&#8220; gefunden wurde, liegt aber m\u00f6glicherweise gerade daran, dass es bei irrational handelnden wahnhaften T\u00e4tern eben keine Rationalit\u00e4t zur Erkl\u00e4rung ihres Verhaltens gibt. Sie handeln nach einer von au\u00dfen kaum zu durchschauenden &#8222;Privatlogik&#8220;, die sich einem allgemein geteilten rationalen Zugang entzieht. Um aber den forensisch-psychiatrischen Hintergrund der Tat auszuleuchten bzw. ihn auszuschlie\u00dfen, dauert es deutlich l\u00e4nger und es ist deutlich mehr Expertise erforderlich als es die \u00c4u\u00dferungen in Presse und sozialen Medien nahelegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Das bringt mich auf einen kriminologisch-ph\u00e4nomenologischen Beitrag im Beck-Blog, den ich vor \u00fcber sieben Jahren schrieb, und der auch heute, wie mir scheint, noch Bedeutung hat. Da der Beck-Blog inzwischen abgeschaltet wurde und dessen Inhalte im Netz gel\u00f6scht wurden, m\u00f6chte ich meinen damaligen Beitrag vom Oktober 2017 hier noch einmal aus meinem Archiv holen. Der Beitrag hat damals mehr als 16.000 Aufrufe und 58 Diskussionsbeitr\u00e4ge\/Kommentaare ausgel\u00f6st. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Hier beginnt es: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:24px\"><strong>Terror, Amok, Massaker &#8211; zur kriminologischen Neubewertung des Anschlags in M\u00fcnchen 2016<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">von Prof. Dr. Henning Ernst M\u00fcller, ver\u00f6ffentlicht am 05.10.2017<br><br>Zwei Anl\u00e4sse gibt es f\u00fcr diesen Beitrag. Zum einen ist es das Attentat in Las Vegas, bei dem der T\u00e4ter 58 Menschen t\u00f6tete und einige hundert weitere verletzt hat. Eine in der Kriminalgeschichte der USA, die vergleichsweise reich ist an \u201eMass Shootings\u201c, herausragend grausame und folgenreiche Tat. Zum anderen ist es die neuere Bewertung des Attentats im M\u00fcnchener Olympia-Einkaufszentrum. Im Juli 2016 wurden dort neun junge Menschen erschossen.<br>Nicht viel verbindet die beiden F\u00e4lle, aber in beiden F\u00e4llen ist die kriminologische Einsch\u00e4tzung bislang unklar bzw. umstritten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><br><strong>Glasperlenspiel?<\/strong><br>Das wirft zun\u00e4chst die Frage auf, warum wir \u00fcberhaupt eine kriminologisch-ph\u00e4nomenologische Einstufung ben\u00f6tigen. Handelt es sich dabei nicht um ein Glasperlenspiel, um Schubladendenken, um fruchtloses Nachdenken und eine letztlich nicht nur hilflose sondern auch nutzlose und daher \u00fcberfl\u00fcssige Diskussion? Ist es angesichts der vielen Opfer und ihrer Schicksale nicht v\u00f6llig egal, zu welchem Motiv in welche Klasse von Taten man uneindeutige Einzelf\u00e4lle einordnet? Niemand wird davon wieder lebendig. Auch akute strafrechtliche Entscheidungen h\u00e4ngen nicht davon ab, denn die T\u00e4ter sind tot, haben sich oft selbst get\u00f6tet, bevor man sie festnehmen konnte oder wurden von der Polizei erschossen.<br>Wie Sie sich denken k\u00f6nnen, halte ich als Kriminologe das wissenschaftliche Nachdenken \u00fcber und auch die Klassifizierung von solchen Straftaten f\u00fcr sinnvoll. Es ist ein wichtiges Ziel der Kriminologie, Straftatph\u00e4nomene zu erfassen, dicht und objektiv zu beschreiben und zu klassifizieren, und dies ist wichtige Voraussetzung f\u00fcr Erw\u00e4gungen zu Ursachen und \u2013 falls \u00fcberhaupt m\u00f6glich und sinnvoll \u2013 zur Pr\u00e4vention. \u00c4hnlichkeiten und Unterschiede (in qualitativer wie quantitativer Hinsicht) festzustellen ist entscheidende Voraussetzung f\u00fcr \u201eFortschritte\u201c in der Kriminologie, die als interdisziplin\u00e4re Spezialwissenschaft besonders geeignet ist, die sozialen und die individualpsychologischen Hintergr\u00fcnde sowie die gesellschaftspolitischen Folgen solcher Delikte zu erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><br><strong>Schnell, schnell, schnell!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Aber die Kriminologie ist nicht allein mit ihrem Interesse an einer Klassifikation. Kaum gehen Nachrichten \u00fcber ein solches Attentat um die Welt, werden auch schon Versuche der Klassifizierung angestellt, teilweise ohne jegliche n\u00e4here Informationen zu verarbeiten \u2013 oft reicht der Name (klingt er deutsch, amerikanisch oder irgendwie nah\u00f6stlich?) bzw. das \u00c4u\u00dfere (ist dieses irgendwie \u201es\u00fcdl\u00e4ndisch\u201c), um Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Medien, und dazu geh\u00f6ren inzwischen auch private Verbreiter von Nachrichten auf Twitter und Facebook, wollen die ersten sein, die die Motivschublade bezeichnen: islamistisch, rechtsextrem, ein Amoklauf. Es folgen kurz darauf die Ursachenvermutungen (die Bundeskanzlerin ist schuld, die Computerspiele, das Mobbing, die Nazi-Hassreden im Internet, eine psychische St\u00f6rung oder Erkrankung) und kaum sind diese vermerkt (nach wie vor oft ohne jeden Hintergrund zu kennen), werden auch schon Politiker mit Pr\u00e4ventionsvorschl\u00e4gen vorstellig oder damit konfrontiert: Verbot von Computerspielen, Versch\u00e4rfung von Waffengesetzen, Kontrolle des Internet, Grenzen dicht f\u00fcr muslimische Fl\u00fcchtlinge, h\u00f6here Strafen f\u00fcr Vorbereitungshandlungen, bessere Polizeibewaffnung, Video\u00fcberwachung, Metalldetektoren, alles, um irgendwie \u201eZeichen\u201c setzen, aber zugleich \u201ecool bleiben, nicht von den Terroristen beeindrucken lassen\u201c etc.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><br><strong>Oft zu sp\u00e4t: Die kriminologische Analyse<\/strong><br>Wenn die Kriminologie sich nach sorgf\u00e4ltiger Betrachtung meldet, ist die Tat f\u00fcr Medien, Politik und \u00d6ffentlichkeit meist schon (halb) vergessen, die \u00fcbern\u00e4chste Straftat ist in den Medien und muss kommentiert und klassifiziert werden, Wahlen sind abgehalten, neue Gesetze bereits in Kraft getreten. Die kluge kriminologische Analyse wird in Fachzeitschriften publiziert, von Kollegen gelesen und m\u00f6glicherweise gelobt, aber sie wird ansonsten kaum wahrgenommen.<br>Und weil die Kriminologie meist sp\u00e4t kommt, sind die polizeilichen und politischen Einsch\u00e4tzungen schon festgelegt:<br><br>Jeder, der sich jetzt in den Medien \u00e4u\u00dfert, ger\u00e4t (auch) in den politischen Meinungskampf, wird je nach Ergebnis seiner Analyse von den Bef\u00fcrwortern oder Kritikern der eingeschlagenen Regierungspolitik benutzt und setzt sich Anfeindungen der jeweiligen Gegenseite aus. Ja, auch Wissenschaftler werden schon fr\u00fchzeitig befragt und begehen dann entweder denselben Fehler (Schlussfolgerungen aufgrund unsicherer Datenbasis) oder es wird ihre redliche Zur\u00fcckhaltung in der Bewertung als fehlende Expertise missdeutet. Nat\u00fcrlich haben auch Kriminologen oft schon ein bestimmtes Vorverst\u00e4ndnis, eine rechtspolitische Grundhaltung, eine eher soziale, liberale oder konservative Meinung, sie geh\u00f6ren bestimmten wissenschaftlichen Kreisen, Zusammenh\u00e4ngen und Institutionen an, sind eher sozialwissenschaftlich, eher kritisch-kriminologisch oder eher psychologisch oder psychiatrisch orientiert. Und nat\u00fcrlich gibt es auch in der Kriminologie differierende Zugangsweisen, Methoden und Ansichten, die sich in den Ver\u00f6ffentlichungen wiederfinden. Das alles macht eine Bewertung (von innen oder au\u00dfen) nicht einfacher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><br><strong>Fall Olympiaeinkaufszentrum M\u00fcnchen 2016<\/strong><br>Im M\u00fcnchener Fall haben sich Polizei und bayerisches Innenministerium darauf festgelegt, der T\u00e4ter sei nicht politisch-extremistisch motiviert gewesen, sein Motiv entstamme vielmehr seiner privaten, individualpsychologischen Befindlichkeit, die Ursache sei v.a. gravierendes Mobbing in der Schule, f\u00fcr das er sich habe r\u00e4chen wollen:<br>\u201e<em>David S. war unter Gleichaltrigen weitgehend isoliert. Hierzu haben vermutlich psychische<br>Auff\u00e4lligkeiten beigetragen, aufgrund derer es ihm schwer fiel, sich zu integrieren. \u00dcber Jahre<br>hinweg wurde er von Mitsch\u00fclern \u201egemobbt\u201c, dabei kam es auch zu k\u00f6rperlichen Misshandlungen. David S. entwickelte ersichtlich einen Hass auf Personen, die hinsichtlich Alter, Aussehen, Herkunft und Lebensstil den ihn mobbenden Jugendlichen \u00e4hnlich waren; dies waren vor allem Angeh\u00f6rige s\u00fcdosteurop\u00e4ischer Bev\u00f6lkerungsgruppen. Diese machte er f\u00fcr seinen von ihm empfundenen schulischen Misserfolg und das Mobbing verantwortlich. David S. schuf sich ein irrationales Weltbild. Darin befasste er sich beispielsweise mit der Vorstellung, dass die von ihm gehassten Personen mit einem Virus infiziert und deshalb ggf. zu vernichten seien. Aufgrund psychischer St\u00f6rungen befand er sich wiederholt in psychiatrischer Behandlung.<br>In seiner Freizeit spielte David S. exzessiv am Computer, insbesondere sog. Ego-Shooter Spiele. Er<br>entwickelte Rachephantasien und besch\u00e4ftigte sich intensiv mit dem Thema Amok. Insbesondere war er fasziniert von den Anschl\u00e4gen, die Anders Breivik 2011 in Norwegen ver\u00fcbt hatte. \u00dcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg plante er dann den von ihm selbst ver\u00fcbten Amoklauf. Es liegen keine Anhaltspunkte daf\u00fcr vor, dass er bei dem Amoklauf die einzelnen Opfer gezielt ausgew\u00e4hlt hat. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass die Tat politisch motiviert war.\u201c<\/em><br>(Quelle: Ermittlungen zum M\u00fcnchner Amoklauf abgeschlossen, LKA 17.03.2017)<br>Von drei wissenschaftlichen Gutachtern kommen derzeit ganz andere Einsch\u00e4tzungen. Aus dem Bericht der SZ (&#8222;Darum war der Tattag kein Zufall&#8220; vom 3.10.2017):<br><em>\u201eDas Datum ist der Jahrestag des Attentats des Rechtsterroristen Breivik, den S. als Vorbild gesehen hat. Anders als Amokl\u00e4ufer habe S. nicht an seiner eigenen Schule gemordet, er kannte keines seiner Opfer. Er wusste jedoch, dass am OEZ viele Menschen mit Migrationshintergrund anzutreffen sein w\u00fcrden. Dabei spiele es auch keine Rolle, dass S. selbst iranische Eltern gehabt habe. Durch die Abwertung von Migranten habe er sich als &#8222;echter Deutscher&#8220; beweisen k\u00f6nnen. Individuelle und politische Motive m\u00fcssten sich nicht ausschlie\u00dfen. &#8222;Rache und Politik, Aufmerksamkeit und Mission, Amok und Terror verschmelzen&#8220;, schreibt Matthias Quent, Leiter des Instituts f\u00fcr Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena.<br>&#8222;Eine pers\u00f6nliche, individualisierte Kr\u00e4nkungsideologie&#8220; mache gerade den Einsamen-Wolf-Terrorismus aus, den der Politikwissenschaftler Florian Hartleb in diesem Fall konstatiert. Die Ermittler h\u00e4tten au\u00dfer Acht gelassen, dass S. seine Tat lange Zeit und akribisch vorbereitet habe und dass er in seinen Augen M\u00fcnchen vor \u00dcberfremdung habe sch\u00fctzen wollen. Dass S. keine Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen pflegte, ist f\u00fcr Hartleb kein Beleg daf\u00fcr, dass er kein Terrorist sei &#8211; so wie Innenminister Joachim Herrmann argumentiert. Vielmehr liege ein Fall eines Einzelt\u00e4ters vor, der ohne Unterst\u00fctzung einer Organisation handelt, ein Produkt der Selbstradikalisierung, ein &#8222;Einsamer Wolf&#8220; also. Dies sei ein &#8222;seltener, wenngleich immer h\u00e4ufiger vorkommender Sonderfall des Terrorismus&#8220;. Dies qualifiziert die Tat bereits als Hassverbrechen. Das Kriterium der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer extremistischen Gruppe sei ohnehin nicht mehr<br>zeitgem\u00e4\u00df, zeige ein stark antiquiertes Verst\u00e4ndnis der Beh\u00f6rden, so Hartleb. F\u00fcr Matthias Quent blenden die Beh\u00f6rden Vorurteile und Rassismus aus. Die Opfer von David S. &#8222;wurden nicht ermordet, weil m\u00f6glicherweise ihnen \u00e4hnlich sehende Personen David S. gemobbt haben, sondern weil David S. einen pauschalisierenden Hass entwickelt hat auf alle Menschen mit aus seiner Sicht spezifischen Merkmalen&#8220;. Was sei dies anderes als Rassismus &#8211; insbesondere aus Sicht der Betroffenen? Verst\u00e4rkend k\u00e4men die Bez\u00fcge von David S. zum Rechtsextremismus hinzu. Dies qualifiziere die Tat bereits als ein Hassverbrechen und erf\u00fclle die Kriterien des polizeilichen Definitionssystems f\u00fcr rechte Straftaten. (\u2026) Die Ermittlungsbeh\u00f6rden hingegen bleiben bei ihrer Einstufung, wie das Innenministerium auf Anfrage mitteilte: Dass S. nur Menschen mit Migrationshintergrund als Opfer ausgesucht habe, d\u00fcrfte &#8222;dem pers\u00f6nlichen, aber verallgemeinerten Feindbild der ehemaligen Mobber geschuldet sein&#8220;.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><br><strong>Terror, Amok, Termok?<\/strong><br>Der Kern der Auseinandersetzung liegt zum einen in der Rolle, die die Begriffe \u201eTerrorismus\u201c und \u201eRassismus\u201c mittlerweile in der politischen Auseinandersetzung innehaben, zum anderen in der mittlerweile eingetretenen realen Verschiebung in diesem Ph\u00e4nomenbereich. Die Differenzierung zwischen (\u00fcberwiegend) individualpsychologisch bzw. psychopathologisch zu erkl\u00e4renden \u201eAmok\u201c-Taten einerseits und politisch-extremistisch zu deutenden \u201eTerror\u201c-Taten andererseits ist in einigen F\u00e4llen, darunter dem M\u00fcnchener, nicht mehr klar zu treffen. Die Ph\u00e4nomengrenzen verwischen hier zu einem (m\u00f6glichen) Zwischentypus \u201eTermok\u201c. Terrorismus war bis vor kurzer Zeit eindeutig als extremistisch gewaltt\u00e4tige Variante politischer Aktion zu werten, die mehrere Personen involvierte, die auf diesem Weg ihre gemeinsamen politischen Ziele bef\u00f6rdern wollten. Die Taten waren zwar extrem, aber konnten in der Logik der entsprechenden Ideologie als strategisch oder taktisch sinnvoll und rational angesehen werden, zumindest in der Zielsetzung &#8222;Angst und Schrecken&#8220; zu verbreiten oder den Staat als schwach vorzuf\u00fchren bzw. als &#8222;faschistisch&#8220; zu demaskieren. Die Amoktaten einzelner, mehrfach in Schulmassakern, aber auch in der \u00d6ffentlichkeit begangen, waren hingegen nicht ideologisch deutbar, sondern hatten Beweggr\u00fcnde, die man meist (retrospektiv) nur als Folge einer gest\u00f6rten oder krankhaften Psyche deuten konnte, z.B. irrationale Rachegef\u00fchle, narzisstisch \u00fcbertriebene Heldenbestrebungen.<br>Innerhalb dieser Differenzierung haben sich Polizei und Innenminister im M\u00fcnchener Fall auf die Seite \u201eAmok\u201c gestellt: Es gab hier keine Gruppe, in deren Namen der T\u00e4ter auftrat, es gab nicht einmal (wie bei Breivik) ein rechtsextremes Pamphlet, mit dem er seine Taten rationalisierte. Die Gesinnung des M\u00fcnchener T\u00e4ters wurde daher als nebens\u00e4chlich angesehen, da andere Indizien eher auf pers\u00f6nliche Rachegef\u00fchle hindeuteten. Das scheint auch einer gewissen Zur\u00fcckhaltung in Bayern zu entsprechen, rechtsextremistische Taten als solche zu identifizieren (beginnend mit dem Wiesn-Anschlag 1980).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><br><strong>Termok<\/strong><br>In Termok-F\u00e4llen ist aber die Differenzierung nicht mehr klar zu leisten: Die beiden Ph\u00e4nomene bewegen sich aufeinander zu, es gibt irrationale und zugleich politische Taten von Einzelt\u00e4tern: Der psychisch unter Druck Geratene sucht sich eine Ideologie (oder nimmt die schon zuvor gehegte) und verbindet somit seine pers\u00f6nliche Kr\u00e4nkung mit der Politik. Er begreift z.B. seine Widersacher als Teil einer (durch Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung) umgrenzten Gruppe (\u201edie\u201c Fl\u00fcchtlinge, \u201edie\u201c Muslime, \u201edie\u201c Ungl\u00e4ubigen, \u201edie\u201c Schwulen, &#8222;die&#8220; m\u00e4chtigen Industriellen etc.), der er \u2013 im \u201enegativen&#8220; Sinne \u2013 sein pers\u00f6nliches Leid anlastet und an der er Rache nimmt. Oder \u2013 im \u201epositiven\u201c Sinne \u2013 von der er seine \u201eHeimat\u201c befreien will, weil diese Gruppen aus seiner Sicht minderwertig sind, unrein oder bedrohlich. Wer durch sein Massaker zum \u201eHelden\u201c oder \u201eM\u00e4rtyrer\u201c werden will, hat dadurch \u2013 soweit eine passende Religion oder Ideologie ihm diesen Heldenstatus nach einem Terrorakt zu verleihen<br>verspricht, ein Interesse daran, sich als politischer bzw. religi\u00f6ser Attent\u00e4ter zu pr\u00e4sentieren. F\u00fcr die Nachwelt ist es dann nahezu unm\u00f6glich zu bestimmen, was innerpsychisch eigentlich den Ausschlag gab.<br>Heldenstatus versprechen etwa jihadistische Terrorgruppen, aber auch rechts- und linksextreme Ideologien. Deshalb machen die eigentlich auf dem politischen Sektor zu verankernden terroristischen Richtungen auch dem potentiellen Amokt\u00e4ter ein \u201eAngebot\u201c, n\u00e4mlich das der Rationalisierung und damit Veredelung seiner Tat. Das ist m\u00f6glicherweise ein Hintergrund, auf dem auch \u201eeinsame W\u00f6lfe\u201c sich ideologisch oder religi\u00f6s radikalisieren und ihre Taten politisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><br>Durch die informationelle Vernetzung ist eine Radikalisierung heute nicht mehr unbedingt auf direkte Kontakte in Gruppen angewiesen, sondern kann auch allein am Computer zuhause stattfinden.<br>Der IS hat das erkannt und provoziert selbst (m\u00f6glicherweise) einsame W\u00f6lfe zu islamistischen Anschl\u00e4gen, ohne dass diese Personen organisatorisch oder logistisch in den IS eingebunden sind. Bei einigen der vom IS reklamierten und von den meisten Beobachtern eindeutig als islamistisch-jihadistisch angesehenen Taten k\u00f6nnte daher auch die Schablone \u201eAmok\u201c passen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><br><strong>Fazit<\/strong><br>Sich widersprechende Deutungen k\u00f6nnen Resultat sein von verschiedenen Zug\u00e4ngen zum selben Fall, der sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht, weil er ph\u00e4nomenologisch auf der Grenze zwischen Terror und Amok liegt. Die bisherige klare Zweiteilung entspricht zumindest in solchen F\u00e4llen nicht mehr der Realit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das, was zum Magdeburger Attent\u00e4ter bekannt geworden ist, scheint in keine rationale Schablone zu passen: Ein Anti-Islamist aus Saudi Arabien, ein seit zwei Jahrzehnten in Deutschland t\u00e4tiger forensischer Psychiater, der sich seit einigen Jahren mit rechtsextremen Narrativen radikalisiert hat, Anh\u00e4nger ist von bekannten rechten Anf\u00fchrern wie Elon Musk und rechtsextremen Parteien wie der AfD, macht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[30,24,23,22,26,25,27,28],"class_list":["post-178","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-krimi","tag-amok","tag-anschlag","tag-attentat","tag-magdeburg","tag-rechtsterrorismus","tag-termok","tag-terror","tag-wahn"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/178","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=178"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/178\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":188,"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/178\/revisions\/188"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=178"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=178"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.strafrecht-und-kriminologie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=178"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}